Warum die Corvi-Homepage jetzt doppelpunktet

Ja, hier wird der Lesefluss durch Genderzeichen gestört. Ja, hier wird ständig auf das Geschlecht hingewiesen, obwohl es in den meisten Fällen gar keine Rolle für den geschilderten Sachverhalt spielt. Und ja, das auch noch aus Überzeugung.

Warum nur?
Dazu ein kurzes Rätsel (nach Bianca Friesenbichler): Vater und Sohn fahren im Auto. Sie haben einen schweren Unfall, bei dem der Vater sofort stirbt. Der Sohn wird mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht, in dem ein Chef-Chirurg arbeitet, der eine bekannte Kapazität für Kopfverletzungen ist.

Die Operation wird vorbereitet, alles ist fertig, als der Chef-Chirurg erscheint, blass wird und sagt: "Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!".

Frage: In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen der Chirurg und das Kind?"
 
—— (Antwort:)

Beim erstmaligen Lesen verursacht dieses Rätsel wohl viel Kopfzerbrechen und führt zu wilden Spekulationen über uneheliche Kinder, zweite Ehen, Adoptionen. Was aber ist die Antwort? Der Chirurg ist die Mutter des Kindes, also eigentlich die Chirurgin.
 
Unterschiede nicht zementieren
Das Beispiel zeigt, wie wenig Frauen bei der Verwendung des generischen Maskulinums (Verwendung der männlichen Form stellvertretend für alle Geschlechter) mitgedacht werden. Vielmehr bekommt man den Eindruck, dass Frauen hier durch die Sprache ausgeschlossen werden. Die Benachteiligung von Frauen ist aber aus gutem Grund gesellschaftlich nicht gewollt. Seit 1985 sind daher geschlechtsspezifische Stellenausschreibungen verboten. Der sogenannte Gender-Pay-Gap, also der geschlechtsspezifische Unterschied in der Bezahlung für vergleichbare Arbeit, beträgt immer noch 21% und eine Forderung nach 30% Frauenanteil in Jobs wird nicht als lächerlich, sondern als Revolution aufgefasst.

Wir wissen nicht, wie viel eine gendersensible Sprache zu einer fairen Erweiterung in der beruflichen Situation beitragen kann, aber das generische Maskulinum tut es sicher nicht. Eher zementiert es die Unterschiede. 

Dazu kommt noch eine weitere Problematik. 

Vielfalt als Bereicherung
Suizid ist die zweithäufigste Todesursache von Jugendlichen. Die Suizidrate ist bei Jugendlichen, die sich weder Mann noch Frau zuordnen lassen, fast sechsmal erhöht, das zeigte eine Metastudie von Dezember 2018. Die beteiligten Wissenschaftler fordern deshalb eine Entstigmatisierung von abweichenden sexuellen Orientierungen. Mit dem Gendersternchen lässt sich dazu auf sprachlicher Ebene ein Beitrag leisten. Er schließt alle sexuellen Orientierungen ein und stellt sie im Stern als Bereicherung und als gleichwertig dar. Eine sprachliche Utopie, die vorwegnimmt, was gesellschaftlich (und im Kleinen auch für die Corvi-Schulkultur) als Ziel gelten muss, nämlich dass niemand diskriminiert wird.
 
Sicher wird die Lesbarkeit durch solche Sternchen herabgesetzt und ästhetische Sprachvorstellungen durchkreuzt. Das ist letztlich eine Güterabwägung. Was ist erstrebenswerter?
 
Genauso verhält es sich mit dem Effekt der ständigen Betonung der Geschlechter. Ist sie nicht in Kauf zu nehmen zugunsten einer fairen Ausdrucksweise?
 
Barrierefreiheit
Dass nun der Doppelpunkt anstelle des Sternchens sich zunehmend verbreitet, liegt daran, dass er von Vorleseprogrammen als kurzer Stopp und nicht als [Sternchen] vorgelesen wird und damit weniger Schwierigkeiten für Menschen macht, die auf solche Programme angewiesen sind, etwa weil sie eine Sehbehinderung haben.
 
So können Doppelpunkt und Sternchen auch gesprochen werden: als kurzer Stopp, der alle einschließt, wie zum Beispiel auch in der Aussprache des Wortes „Spiegelei“. Eine Art faires Innehalten.
 
Im Zuge der Erprobung von diversitätssensibler Sprache finden sich auf der Corvi-Homepage ganz verschiedene Formen der Abbildung der Geschlechtervielfalt, mal mit, mal ohne Doppelpunkt. Alle Autor:innen für die Corvi-Homepage sind aufgerufen, reflektiert mit den Möglichkeiten der Sprache umzugehen, denn die Sprache, die wir verwenden, ist immer auch ein Abbild unserer Haltungen.
 
Text, Bild: Wolff

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