Mahnen und Erinnern am Gedenkstein
27. Januar 2026
Johanna Koltermann und Svea Kuschke aus der Klasse 10m sprechen zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus' am Gedenkstein auf dem Northeimer Entenmarkt.
Heute ist ein Tag des Erinnerns. Ein Tag, an dem wir innehalten und an die Millionen Menschen denken, die im Holocaust verfolgt, entrechtet und ermordet wurden. Oft sprechen wir an solchen Tagen von Zahlen: von sechs Millionen jüdischen Opfern, von Deportationen, von Lagern. Doch hinter jeder Zahl stand ein Mensch. Ein Leben. Heute möchten wir an eine Familie erinnern, die hier in Northeim lebte. Es geht um die Familie Katz aus der Heinrichstraße 8a.
Northeim hatte sie ausgestoßen
Max Katz wurde im Jahr 1900 in Mandern an der Eder geboren. Er kam schon früh nach Northeim, und lebte mit Unterbrechungen viele Jahre hier. Er diente noch im erstem Weltkrieg und versuchte danach, sich ein normales, bürgerliches Leben aufzubauen. Max Katz arbeitete als selbstständiger Kaufmann, später als Angestellter in einem jüdischen Geschäft. 1926 heiratete er die Northeimerin Gretelotte Frankenstein. Ein Jahr später wurde ihr Sohn Hans geboren – 1927, am ersten Tag des jüdischen Neujahrsfestes Rosch ha-Schana. Doch Gretelotte starb 1930 und im selben Jahr heiratete Max Katz erneut. Seine zweite Frau war Ilse Kohnheim, geboren 1903 in Gleidingen. Aus dieser Ehe ging 1933 die Tochter Edith hervor – geboren nur zwei Wochen vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Die Familie lebte ab 1932 in der Heinrichstraße 8a, in einem städtischen Haus in der Nähe des Bahnhofs. Es war kein wohlhabendes Leben, aber ein geordnetes. Akten der Stadt belegen, dass Max Katz ein zuverlässiger Mieter war, pünktlich zahlte und von der Verwaltung zunächst respektvoll behandelt wurde. Die Familie führte ein bewusst religiöses jüdisches Leben. Der Sabbat spielte eine wichtige Rolle. Der befreundete Religionslehrer Leo Singer, Rabbiner der jüdischen Gemeinde, war regelmäßiger Gast am Freitagabend. Gemeinsam feierte man den Sabbat, sprach Gebete, teilte Mahlzeiten. Der Sohn Hans wurde Ostern 1934 eingeschult. Doch schon früh erlebte er Ausgrenzung. Er war doppelt gehandicapt: Er war Jude – und er hatte einen sogenannten Klumpfuß. Mitschüler hänselten ihn und er stand oft allein auf dem Schulhof.
Mit dem Jahr 1937 änderte sich alles. Antisemitische Anschuldigungen nahmen zu. Kleinigkeiten wurden aufgebauscht, Vorwände gesucht. Schließlich kündigte die Stadt Northeim der Familie Katz die Wohnung. In einem Schreiben an die NSDAP-Kreisleitung hieß es offen, es liege im allgemeinen Interesse, dass Northeim frei von Juden werde. Die Familie wurde aus der Stadt gedrängt. Am 1. Oktober 1937 meldete sich Max Katz mit seiner Familie nach Hannover ab. Northeim hatte sie ausgestoßen. In Hannover hofften viele jüdische Familien auf Anonymität und auf ein wenig Schutz. Doch auch diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Hans besuchte nun eine jüdische Volksschule, da jüdische Kinder von staatlichen Schulen ausgeschlossen worden waren. Dort trafen sie ihren alten Freund Leo Singer wieder, der nun Tochter Edith Katz unterrichtete.
Nur einer von Ihnen überlebte
Im September 1941 erreichten die Unterdrückungen eine neue und grausame Stufe. Jüdische Familien wurden aus ihren Wohnungen vertrieben und in sogenannte „Judenhäuser“ verschleppt. Am 15. Dezember 1941, während des jüdischen Chanukkafestes, wurde die Familie Katz zusammen mit über 1.000 weiteren Menschen von Hannover nach Riga deportiert. Dort wurde die Familie auseinandergerissen. Max Katz kam im Alter von 42 Jahren eines Tages von einem Arbeitseinsatz nicht mehr zurück. Er wurde für tot erklärt.
Ilse Katz und die kleine Edith wurden später von Riga aus nach Auschwitz deportiert und ermordet. Edith war vermutlich erst acht oder neun Jahre alt.
Nur einer von ihnen überlebte: Hans Katz. Er war 14 Jahre alt, körperlich behindert und allein. Er wurde durch mehrere Lager verschleppt, zuletzt nach Bergen-Belsen. Dort wurde er am 16. April 1945 befreit - schwerkrank, aber am Leben.
Hans blieb bis 1948 in Deutschland, unter der Obhut internationaler Hilfsorganisationen. Danach holten ihn Verwandte aus Südafrika, nach Johannesburg. Dort begann er ein neues Leben, arbeitete als Automechaniker, gründete eine Familie und bekam drei Töchter. 1954 schrieb er einen Brief an die Stadt Northeim. Sachlich und höflich bat er um Unterlagen seines Vaters Max Katz. Im Jahr 2004 kam es erstmals über Hans Harer wieder zum Kontakt mit Northeim. Anfangs war er zögerlich – mit Deutschen wollte er eigentlich nichts mehr zu tun haben. Doch daraus entstand jahrelanger Kontakt – wenn auch nur über Telefon.
Max, Ilse, Edith, Hans
Hans Katz starb am 14. August 2013. Bis zuletzt blieb er ein gläubiger Jude.
Wenn wir heute der Verfolgung durch die Nazis gedenken, dann erinnern wir nicht nur an Opfer, sondern an Menschen mit Namen, mit Wohnungen, mit Freunden, mit Hoffnungen. Max, Ilse, Edith, Hans. Mögen die Namen der Familie Katz und aller Opfer des Holocaust niemals vergessen werden.
Text: Johanna Koltermann, Svea Kuschke (beide 10 m); Fotos: Wolff






